A U F R U FLiebe Kolleginnen, liebe Kollegen,
seit einigen Jahren hat die deutsche Sprache zwei Orthographien.
Die eine Orthographie ist die, die sich seit der Goethezeit allmählich entwickelt und das ganze 20. Jahrhundert hindurch bewährt hat. Es ist die Orthographie, in der Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Ingeborg Bachmann, Walter Benjamin, Heinrich Böll, Elias Canetti, Paul Celan, Friedrich Dürrenmatt, Albert Einstein, Sigmund Freud, Max Frisch, Hermann Hesse, Franz Kafka, Niklas Luhmann, Thomas Mann, Robert Musil, Rainer Maria Rilke, Nelly Sachs, Arthur Schnitzler, Max Weber und Ludwig Wittgenstein geschrieben und veröffentlicht haben. Es ist die Orthographie der deutschen Sprache in Literatur, Philosophie und Wissenschaft.
Die andere Orthographie ist eine, die im staatlichen Auftrag erfunden wurde. Sie ist minderwertig und erschwert den präzisen sprachlichen Ausdruck. Gleichwohl soll sie gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung auf dem Verordnungsweg durch-gesetzt werden, durch ihre Einführung in Schulbüchern und amtlichen Texten. Die große Mehrheit der deutschsprachigen Intellektuellen lehnt die staatlich verordnete Rechtschreibung ab. Eine der besten Zeitungen Deutschlands (die „Frankfurter Allgemeine“) lehnt sie ab. Die renommiertesten Buchverlage (z. B. Hanser, Suhrkamp, Diogenes, Piper) lehnen sie ab. Gleichzeitig aber wird den Kindern auf deutschen, österreichischen und schweizerischen Schulen bei-gebracht, daß die bessere Orthographie „veraltet“ sei.
Es gibt leider Verlage, die sich auf die Seite der Bürokratie geschlagen und sich für die „neue“ Orthographie entschieden haben. Doch selbst in diesen Verlagen beharren die deutschsprachigen Schriftsteller darauf, daß wenigstens ihre Bücher in der herkömmlichen Rechtschreibung erscheinen. Worauf sie jedoch in diesen Verlagen leider keinen Einfluß haben, ist die Orthographie der Bücher, die aus anderen Sprachen ins Deutsche übersetzt werden. Während die deutschsprachige Literatur fast ausschließlich in der angeblich „veralteten“ Orthographie erscheint, wird die fremdsprachige etwa von Verlagen wie S. Fischer oder Rowohlt in der behördlich verordneten „neuen“ Rechtschreibung publiziert.
Wir bitten Sie, liebe Kollegen, sich uns anzuschließen und uns zu unterstützen. Wir bitten Sie, dem Verlag gegenüber, in dem Ihr nächstes Buch auf deutsch erscheint, auf der bewährten deutschen Orthographie zu bestehen, so wie wir es tun. Ihre Leser werden es Ihnen danken.
Mit freundlichen Grüßen
Horace Engdahl Hans Magnus Enzensberger Georges-Arthur Goldschmidt
Günter Grass Lars Gustafsson Elfriede Jelinek György Konrád
Reiner Kunze Stanislaw Lem Siegfried Lenz Claudio Magris
Harry Mulisch Adolf Muschg Sten Nadolny Cees Nooteboom
Patrick Süskind Martin Walser Christa Wolf