O r k o g r a p h i e
Eine Untersuchung zur neuen Übersetzung von Tolkiens „Herrn der Ringe“

von  S t e f a n  S t i r n e m a n n 

Die sinnreiche und gehaltvolle Parabel ist wohl bekannt : Sauron, der böse und bornierte Herrscher, sucht sich in den Besitz des Einen Ringes zu bringen, welcher der Inbegriff von Macht und Prestige ist. Besonders gefährliche Helfer und Handlanger hat er in den Orks, scheußlichen Kriegern, die in klobigen Stiefeln rennen, wohin man befiehlt, und alles Schöne und Feine niedertrampeln. Auf der Gegenseite steht Mister Frodo vom freundlichen Volk der kleinen Hobbits, der den Ring ins Zentrum der bösen Macht, in den Mittelpunkt des Unsinns tragen soll, wo er vernichtet werden kann. Ihn begleiten etliche Gefährten, darunter der weise und sprachenkundige Zauberer Gandalf.

Das gebundene Buch, erschienen bei Klett-Cotta (8. Auflage 2001), liegt, obwohl umfangreich, angenehm in der Hand. Die Seiten sind von eleganter Dünnheit, das Druckbild ist schön. Einband, Umschlag und Schnitt sind rot, denn in Tolkiens Erfindung ist die Hauptquelle der Erzählung das sogenannte „Rote Buch der Westmark“.

Wolfgang Krege hat in ein im allgemeinen gutes Deutsch übersetzt, verschiedene Stilebenen nicht ohne Sinn verbindend. An Einzelheiten kann man immer beckmessern (z. B. an Er lachte bitterlich). Im folgenden soll aber Orthographie das Thema sein. Untersucht worden ist etwa die Hälfte des Buches, es besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit. Das Nachwort Zur neuen Übersetzung ist vom September 1999 datiert (dies zur Bestimmung der Epoche des orthographischen Zwists).

Glanzstücke der Reform

Die Konjunktion wird dass geschrieben, und es wimmelt von Leid und Recht. Besonders frappierend : Und wie Recht er gehabt hat ! oder Er hatte keine Zeit gehabt, sich Leid zu tun, wo man kurz an Suizid denken muß. Versehentlich richtig geschrieben ist je einmal : Tut mir leid und Ja, du hast recht. Sehr häufig sind raue Schreie u. ä. Einmal begegnet : Höchste Eile tut Not. Eine Zeitlang wird aufgelöst.

Gegen die neuen Vorschriften oder Lizenzen werden geschrieben : behend, Gemse, Glockenstengel (von Hyazinthen), Greuel, Handvoll, hartgesotten, selbständig, tiefgreifend, Zierat.

Der Erste u. ä.

Das Wort wird groß geschrieben, auch wo es reines Zahlwort ist : Die großen Zehen (. . .) setzte er (. . .) als Erste auf den Boden. Gegenbeispiel : Gollum ergriff als erster die Flucht. Im überraschenden Wechsel : äußerte sich der Erste, sagte ein dritter, sagte der vierte.

Konsonanten

Drei Konsonanten begegnen mehrfach in der (schnell abgenutzten) Formel helllichter Tag. Bei Fußtapfen ist auf das zusätzliche s verzichtet worden (im Kontrast: Orkstapfen). Die Schreibweisen Schluss-Stein und Hass-Schrei stellen der neuen ss/ß-Regelung das testimonium paupertatis, das Armutszeugnis aus.

mal

Konsequent wird noch mal geschrieben, obwohl nach Regel § 55(4) nochmal verlangt wäre, was nicht einmal dem Verfasser des amtlichen Wörterverzeichnisses bewußt war. Daneben finden sich diesmal und jedes Mal (jedesmal ist offenbar von den Reformern vergessen worden). Zum erstenmal, analog zum regelkonformen ein andermal gebildet, findet sich nur auf dem hinteren Umschlag ; im Text : zum ersten Mal.

Phraseologische Wortart

Folgende Sätze zeigen die Schwerfälligkeit (nicht Unverständlichkeit) dieser Wiederherstellung des 19. Jahrhunderts :

Sag mir erst deinen Namen (. . .) und dann sag ich’ dir meinen und noch einiges des Weiteren. Die Kekse waren zwar zerbrochen, im Übrigen aber hatten sie sich in ihrer Laubverpackung gut gehalten.

Wer solche Adverbialien groß schreiben will, müßte überlegen, wo sie im Satz zu plazieren sind, damit das Gleichgewicht nicht gestört wird.

Satzzeichen und Apostroph

Die neuen Regeln der Interpunktion werden nicht angewendet. Seltsam sind folgende Setzungen des Apostrophs : Aber’s ist Abend. Kräuter müßte’s eigentlich geben. Er’s ein Schnüffler. Ja, denk mal’n bisschen nach.

Tageszeiten

Sehr zahlreich sind die altehrwürdigen heute Nacht, gestern Abend u. a., aber Überreste der modernen Schreibweisen finden sich auch hier, z. B. heute morgen, gestern morgen.

Trennungen

Die neue Trennung von ck und st wird erfolgreich absolviert : bli-cken, Zwis-tigkeiten, wenigs-tens. Ein Rückfall : gelei-stet. Größer sind die Probleme mit herauf und Familie : hi-nauf und hin-auf, da-rüber, vo-rüber, aber her-auf, dar-auf, her-aus.

wiedersehen

Die Leidensgeschichte dieses Wortes, das der Duden auf wieder sehen reduzieren wollte, ist bekannt. Hier nun ist die Lösung das salomonische Prinzip der variatio, der Abwechslung : das Verlangen (. . .), Fimbrethil wiederzusehen (to see . . . again); dass wir sie (. . .) wieder sehen werden (meet again); wir haben ihn (. . .) nicht wieder gesehen (see . . . again).

Zusammensetzungen und Ableitungen

Hier ist erwartungsgemäß das Durcheinander besonders groß. Gleich das erste Kapitel trägt den Titel Das langerwartete Fest. Regelkonform dagegen die lang gestreckte Höhle. Regelkonform auch : Der Garten war voll gestellt mit Hütten und Schuppen. Kontrast: bis alle Keller vollgelaufen waren. Falsch geschrieben sind die samentragenden Gräser, die aasfressenden Tiere ; Muster wäre hier das neue Fleisch fressend. Falsch ist auch das immerwährende Ächzen. Ein weiterer Kontrast : Der eine Helm ist hochgewölbt (high-crowned), der andere hoch gewölbt (lofty). Pfeile sind einmal grüngefiedert (green-feathered), einmal schwarz gefiedert (black-feathered). Nach demselben altgriechischen Muster: ein vielgeprügelter Hund (a whipped cur); wer den neuen Regeln folgen will, müßte sich am viel gelesen des Wörterverzeichnisses orientieren.
Auch die famose ig-Regel sorgt für Abwechslung : in schmutzig grauen Lumpen (in dirty grey rags), schmutzigrot (dusty red), schmutzigbraun (drab), schmutzig braun (drab-hued).
Vielleicht auch nach dieser Regel geschrieben ist das seidig graue Seil (silken-grey rope). Deutlicher wäre : seidig-grau, denn beim ersten Vorkommen schildert Tolkien explizit : silken to the touch, grey of hue.

Ein Fazit

Trotz sorgfältiger Ausstattung ist das Werk orthographisch ziemlich mangelhaft. Einmal mehr zeigt sich, daß viele der neuen Regeln zu kompliziert sind oder gegen gewachsene Prinzipien der Sprache verstoßen.
Fragen : Entspricht die Orthographie dem Wunsch des Übersetzers ? Wer hat die Auswahl aus den neuen Regeln getroffen und nach welchem Kriterium ? Ist unser orthographisches Niveau nicht sehr Kopfweh erregend ?

Das Schlußwort habe der Zauberer Gandalf : Saurons Übel läßt sich nicht völlig aus der Welt schaffen oder ungeschehen machen. Doch solche Tage sind uns beschieden. Nun weiter auf dem Weg, zu dem wir uns aufgemacht haben !

 
    K o n t a k t